Watzmann bis Zugspitze – eine Flitterwoche.

Deckelklappe

An einem Freitag im Juli klingeln für Melli und Stefan die Hochzeitsglocken am Samerberg. Die schöne Feier findet am gleichen Tag im nahe gelegenen Duftbräu statt. Dass Sie hier irgendwo knapp eine Woche später wieder vorbei kommen werden wissen sie da schon, denn ab Montag steht eine etwas ungewöhnliche Flitterwoche für die beiden an. Sie möchten innerhalb von fünf Tagen die beiden höchsten Gipfel Deutschlands besteigen und den Weg dazwischen mit dem E-Bike zurücklegen.

Ihre gemeinsame Outdoorleidenschaft hat sich in den letzten Jahren zu, den unterschiedlichsten Bergsportarten vom Trail Running übers Mountainbiken bis hin zum Klettern, entwickelt. Und einen Traum möchten sich die beiden auf dem Weg noch verwirklichen. Ein Tandem Gleitschirmflug. Denn wie sagt man doch… nur Fliegen ist schöner. „Besonders genossen haben wir, dass wir uns überhaupt nicht um die Organisation, Hüttenbuchung und die Routenführung kümmern mussten“, sagen die beiden nach der Tour. „Allerdings, war’s auch spannend, ob der Bergführer, den wir vorher nicht kannten, gut zu uns passt. Fünf Tage können schon lang werden, wenn man sich nicht so grün ist. Mit Michi hat es dann allerdings von Anfang an super gepasst und wir waren ein mega gutes Team.“

Wanderer am Königssee
Stefan, Melli und Bergführer Michi. Foto: Jochen Bückers

Tag 1: Start am Königssee

Der Start am Königssee wartet gleich mit Superlativen auf. Der Blick, auf das traumhafte blaue Wasser, das eingebettet in die Berchtesgadener Bergkulisse definitiv seinesgleichen sucht, zieht wohl jeden in seinen Bann. Als Melli, Stefan und Michi um die Mittagszeit die Rucksäcke packen und am Echostüberl starten ist noch nicht mal besonders viel los. Mitverantwortlich ist auch die ordentliche Hitze. Bei knapp 30° freuen sich alle als sie gleich hinter der weltberühmten Bob Bahn in den Wald eintauchen und schon nach etwa 30 Minuten am Einstieg des Grünstein Klettersteigs stehen. Die Drei sind nicht die Einzigen, die sich mit Gurt, Helm und Klettersteigset bereit für den Einstieg machen. Allerdings verlaufen sich die paar Leute in den diversen Varianten. Melli, Stefan und Michi wählen mit der Isidor Variante die leichteste, wollen Meter machen und sich auch erstmal etwas kennenlernen. „Die genialen Tiefblicke auf den See“ sind nicht nur bei Melli Bilder, die vom ersten Tag im Gedächtnis haften geblieben sind. Deutlich voller ist’s dann auf der Grünsteinhütte, die nach kurzer Gipfelrast erreicht wird. Lechzend nach einer Erfrischung ist die nett geführte, aber dennoch recht touristische Hütte eine große Wohltat. Melli und Stefan haben nochmal in Ruhe Zeit sich den Weiterweg über die Kührointalmen, durchs deutlich ruhigere Watzmannkar aufs Watzmannhaus, auf der Karte zeigen zu lassen. Die Hitze lässt nach, ein paar Rehböcke zeigen sich und am führen Abend erreicht das Trio das Watzmannhaus. Wie ein Adlerhorst, hoch oben über dem Berchtesgadener Land, gibt’s wohl wenig Hütten, auf denen man das Abendessen treffender vor dem wunderbaren Sonnenuntergang zu sich nehmen könnte. „Gemütlich und urig“, findet Stefan das Watzmannhaus. Allerdings ist, wie immer an stabilen Sommerstagen auch ordentlich was los. Meist wird ein Teil der Gäste von der ansässigen Bundeswehrkaserne gestellt. Aber nicht nur die Kameraden in Camouflage haben erstaunlich große Rucksäcke bei sich, auch der ein oder andere zivile Watzmann Aspirant hat einen bemerkenswert großen „Begleiter“ auf dem Rücken.

Stefan und Melli möchten in ihrer Flitterwoche die beiden höchsten Gipfel Deutschlands besteigen und den Weg dazwischen mit dem E-bike zurücklegen.

Tag 2: Auf den Langen Grat zur Mitterspitze

Mit den ersten Sonnenstrahlen geht’s nach dem Frühstück hinauf zum Hocheck. Vor der Kompanie aus der Hütte zu kommen, ist dabei sehr angenehm. Wenn man einsame Touren bevorzugt sollte man sich allerdings gleich etwas anderes aussuchen. Bei herrlichem Licht erreichen die Hochzeitsreisenden den Gipfel. Das Licht ist offenbar auch für Instagram Fotos sehr gut, denn man kann zwei Mädels beobachten, wie sie sich zusammen mit Radlerdosen in Pose werfen. Wieder mit Klettersteigausrüstung gewappnet, begeben sich von hier, immer wieder kleine Grüppchen auf den Langen Grat zur Mitterspitze und weiter zur Südspitze des Watzmanns. „Wir hatten echt Glück“, erinnert sich Melanie, „denn wir haben eine Phase erwischt, in der sehr wenige Leute auf dem Grat waren und waren dann recht flott und weitgehend allein unterwegs.“ An einem guten Tourentag kann man hier allerdings schon mal von einer langsameren Gruppe gebremst werden. Allerdings hat man dann auch mehr Zeit Ausschau nach Steinböcken, die sich öfter in der Ostwand zeigen, zu halten, oder einfach den atemberaubenden Tiefblick zu beiden Seiten des Grates zu genießen. Bewusst sollte einem sein, dass es der Abstieg von der Südspitze nochmal in sich hat, ganz zu schweigen von dem langen Hatscher hinaus durchs Wimbachgrieß. Die Wimbachgrießhütte und das Wimbachschloss bieten da willkommene Rast- und Erfrischungspunkte. Garantiert ist ein langer erlebnisreicher Berg Tag. „Wirklich schön war es frisch geduscht im Biergarten oberhalb Wimbachbrücke zu sitzen und viele, der von der Hütte bekannten Gesichter, eintrudeln zu sehen. Da wurde mir erst so richtig bewusst, wie ich mich noch vor einer Stunde gefühlt hab und wie schön es ist, diesen langen Tag geschafft zu haben.“ Sind sich Melli und Stefan einig.

Tag 3: Bike- statt Alpinrucksack, Rad- statt Kletterhelm und Pumpe statt Klettersteigset

Heutiges Ziel ist die Kampenwand. „Wie schön mal die Bewegungsform zu ändern.“ Freut sich sogar Michi, der als Bergführer oft auf den Beinen unterwegs ist. Auch die Ausrüstung ändert sich. Bike- statt Alpinrucksack, Rad- statt Kletterhelm und Pumpe statt Klettersteigset. Die Alpinausrüstung dürfen die Drei ins Begleitfahrzeug packen, das ab jetzt immer wieder auf sie warten wird. Frische Morgenluft liegt im Tal und die drei Bikes bahnen sich ihren Weg hinauf zum Wanderparkplatz Wachterl. Von hier führen Forststraßen entlang am Schwarzbach. Erst noch mystisch und kühl, lüftet sich der leichte Nebel auf dem Weg hinunter nach Schneitzelreuth. Dann kommt leider eine Überraschung. Die Weißbachschlucht stellt sich als unbefahrbar heraus. Gerade wegen Brückenarbeiten gesperrt, ist sie offenbar ohnehin für die Durchfahrt mit Moutainbikes gesperrt und nicht geeignet. Die Alternative führt leider über die vielbefahrene Bundesstraße nach Weißbach. Vorbei am Holzknechtmuseum und südlich des Rauschberges, geht’s dann umso schöner hinauf zu Harbach-, Bichler- und Keitlalm, die z.T. auch bewirtschaftet sind. Eine Brotzeit schmeckt hier oben, im Naturschutzgebiet östliche Chiemgauer Alpen besonders gut und viele Wanderungen bieten sich von hier aus an. In nördlicher Richtung liegen Rauschberg, Zeno- und Steichkopf, Richtung Süden trifft man schon bald auf die österreichische Grenze und großartige Wanderberge, wie z.B. das Sonntagshorn. Fährt man mit dem Bike das Tal weiter in Richtung Westen, muss man allerdings schon bald nicht mehr treten, denn es geht bergab zur weißen Traun und über Forst- und Radwege hinaus in Richtung Ruhpolding. Kurz vor Ortseingang bietet sich die Möglichkeit über kleine Sträßchen und Wege nach Bärngschwendt und weiter nach Urschlau zu fahren. Bis hierher dürfen auch Autos fahren und Jochen, der Fahrer des Begleitfahrzeuges, wartet schon mit Nudelsalat und einer Brotzeit. Die Akkus der E-Bikes sind fast leer. Stefans‘ Akku wird gewechselt, Meli und Michi nehmen jeweils einen frischen in den Rucksack, während der „alte“ noch für ein paar Kilometer halten wird. Und nach einer kurzen Pause geht’s zunächst auf Forststraßen, und zuletzt auf einem Pfad hinauf zu den bewirtschafteten Jochbergalmen.

Gleitschirm Tandem
Als absolutes Highlight haben sich Stefan und Melli einen Traum erfüllt: einen Gleitschirm Tandemflug. Foto: Kilian Baumann

Und von hier oben ist auch das Tagesziel, die Kampenwand, schon sichtbar. Gleich mehrere Trailmöglichkeiten bieten sich hinunter nach Unterwössen. Zum Teil sind diese gar nicht leicht zu fahren, allerdings gibt’s auch eine Fortstraßenoption. Stefan und Michi fangen sich bei dem ganzen Fahrspaß jeweils einen platten Reifen ein. Und plötzlich wird die Zeit knapp. Denn das Highlight des Tages wartet mit einem Gleitschirm Tandemflug auf der Kampenwand auf das junge Brautpaar und die beiden Pannen haben ganz schön Zeit gekostet. Wir steigen ins Auto und in Aschau in die Bergbahn, denn oben sind Tandempilot Kilian Baumann und sein Kollege schon startklar und es herrschen perfekte Flugbedingungen. Die zwei Tandems und Michi, mit dem Soloschirm, starten kurz später und butterweiche Nachmittagsthermik bringt die drei Schirme innerhalb von Minuten weit über die Kampenwand und eröffnet einen atemberaubenden Ausblick über den Chiemsee, und auf Teile der bereits zurück gelegten und der noch bevorstehenden Strecke. 45 Minuten später stehen alle wohlbehalten zurück auf dem Boden der Tatsachen. Ein überbreites Grinsen steht allen Beteiligten ins Gesicht geschrieben. Melli, Stefan und Michi möchten noch weiter in Richtung Samerberg radeln und packen Schlafsäcke, Kocher, Nudeln und Bialetti ein bevor sie in den Abend Radeln.

Biwakieren unter freiem Himmel
Eine Nacht verbrachten die drei unter freiem Himmel.

Tag 4: Eine Nacht unter freiem Himmel

„Guten Morgen… fast zu warm mit den Schlafsäcken, heute Nacht, oder?“ Sagt Melli beim Aufstehen. „Aber so schön war’s… also nicht nur Mythos, die romantischen Biwak Nächte.“ Melli und Stefan haben gerade ihre erste Nacht unter freiem Himmel in den Bergen verbracht und berichten von ihren Eindrücken während der Kaffeekocher zu gurgeln anfängt. Schnell sind die Sachen zusammengepackt und die Räder schnurren, weitestgehend bergab, nach Nussdorf. Hier werden die drei Nomaden von Jochen mit einem zweiten Frühstück, etwas Verpflegung und frisch geladenen Akkus für die E-bikes empfangen. Heute wird’s heiß. 35° sind vorhergesagt und das Ziel ist noch weit weg. Hammersbach beziehungsweise die Höllentalangerhütte ist das ausgewiesene Tagesziel. „Mal sehen, ob wir’s schaffen…“ sind sich die Drei einig. Zunächst geht’s über die Mautstraße von Brannenburg hinauf zum Tazlwurm und weiter zum Sudelfeld. Schon bald wird klar, die Sudelfeldstraße ist für den Autoverkehr gesperrt, die Abfahrt nach Bayerischzell, vorbei an der Baustelle, aber über Forststraßen möglich. Ein Riesenglück. Denn Auto und Motorradlärm bleiben Melli, Stefan und Michi so weitestgehend erspart. Von Bayrischzell führen gekieste Radwege und Forststraßen durchs Kloaschautal in die Valepp. Südlich vom Spitzinggebiet gelegen sind hier die Wege für Wanderer weit. Stefan, der schon öfter mit einem E-Bike gefahren ist kommt auch prompt ins Schwärmen: „… gerade in so einer Gruppe ist es einfach ideal mit den E-Bikes. Konditionelle Unterschiede kann man ganz einfach über einen Druck aufs Knöpfchen ausgleichen und anstrengend ist es auch mit den motorisierten Bikes.“ Bergab in Richtung Rottach-Egern bräuchte man den Motor natürlich nicht. Unten angekommen schlägt den Dreien die Hitze so richtig ins Gesicht und der Magen hängt ihnen in den Kniekehlen. Da kommt die Weißachalm gerade Recht. Noch vor dem wohl verdienten Mittagessen kommen die Badesachen zum Einsatz. Wie der Name schon sagt fließt die Weißach direkt an der idyllisch gelegenen Alm vorbei und man kann fast aus der „Gumpn“ die Bestellung aufgeben. Das deftige Essen schmeckt nach den knapp 80 km und in der idyllischen Umgebung ausgezeichnet. „Der Stopp an der schönen Weißachalm war super, ich nur etwas träge danach.“ erinnert sich Stefan. Bis zum Achenpass geht’s über schöne Radwege weiter, dann kommt ein kurzes Stück Teerstraße bevor Melli, Stefan und Michi den Sylvensteinsee auf der Südseite über Forststraßen umradeln. Oft mit schönen Blicken auf den See und ganz ohne Autos kommen die Drei in Fall an. In Vorderriß braucht’s dann die nächste Bade Pause, um gerade noch einen Hitzschlag zu umgehen. Und es wird auch klar, dass ab hier Autofahren angesagt ist, wenn das Tagesziel Höllentalangerhütte heute noch erreicht werden soll. An diesem Tag ist auch der Abend heiß und der Aufstieg durch die erfrischende Klamm eine wahre Wohltat. „Die Höllentalangerhütte war mir zu touristisch…“ sagt Melli nach der Tour und Stefan teilt ihre Meinung. „Geschlafen, habe ich allerdings wie ein Stein nach dem Tag.

Tag 5: Durchs Höllental auf die Zugspitze

Höllentalklettersteig
Melli auf dem Grünstein Klettersteig in Berchtesgaden.
An der Zugspitze ist immer mit vielen Menschen zu rechnen – in unserem Fall auch am Freitag. Foto: Julian Bückers
Auf dem Klettersteig bildet sich eine kleine Ameisenschlange – aber Melli, Stefan und Michi geben Gas. Foto: Julian Bückers
Schon bald haben sie sich einen Vorsprung erkämpft und können ungestört weiter klettern. Foto: Julian Bückers
Vom Klettersteig aus hat man eine wunderbare Aussicht. Foto: Julian Bückers

Es ist noch dämmrig als sich Melli, Stefan und Michi am nächsten Morgen auf den Weg zum unteren Klettersteigteil machen. Bei den ersten Leitern und auch übers berühmte Brett staut es sich und das obwohl es ein Freitag ist. In Sachen Wetter gibt’s Abwechslung. Nebel hüllt den Gipfel der Zugspitze ein und es ist nicht mehr ganz so heiß. Auf dem Weg zum Höllentalferner sind Melli und Stefan trotz der vergangenen, anstrengenden Tage auf der Überholspur. Und als die zwei mit Michi voraus und Steigeisen an den Beinen über den traurigen Rest Gletscher zum oberen Teil des Klettersteigs stapfen befinden sich die meisten der Zugspitzaspiranten hinter dem Trio. Vom Klettersteig aus lässt sich die menschliche Ameisenstraße durchs Höllental herauf beobachten. Der frühe Start und die gute Kondition bescheren Ruhe, aber auch der morgendliche Nebel hat sich noch nicht ganz gelüftet. Und so versuchen die Drei einen der Blicke hinunter zum Eibsee, der von hier oben aussieht wie die bayerische Karibik, zu erhaschen.

 

Bevor Melli und Stefan den Fuß gemeinsam auf den höchsten Gipfel Deutschlands und damit hinein in den Trubel setzen, wird noch der Einstieg zum Jubiläumsgrat inspiziert. Denn diese junge (Berg)-Ehe hat erst begonnen…