Lukas Irmler erfüllt sich mit der Alpine Highline am Blankenstein seinen bayrischen Traum.

Lukas Irmler erfüllt sich mit der Alpine Highline am Blankenstein seinen bayrischen Traum.

Der 1768 m hohe Blankenstein ist ein wahrer Blickfang. Schon von Weitem ist das wilde Felsmassiv im Schatten des Risserkogel zu erkennen. Die Höhe der Nordwand und deren zerklüftete Türme stellen eine Besonderheit in den bayrischen Voralpen dar. Oft sind Kletterer in den steilen Wänden zu beobachten, die ihr Können auf Routen vom 4. bis zum 7. Grad unter Beweis stellen. Auch schwindelfreie und trittsichere Wanderer können den Gipfel vorsichtig zu Fuß erklimmen. Slackliner jedoch hatten sich bisher noch nicht in den markanten Gipfelfels des Blankensteins gewagt.

Zum ersten Mal setzte Lukas seinen Fuß im Sommer 2006 auf eine Slackline. Von da an entwickelte sich das Slacklinen für ihn schnell zu mehr als nur einem Hobby. Foto: Valentin Rapp

Weiß-blaue Träume zum Greifen nah.

Genau die richtigen Voraussetzungen für Lukas Irmler, den wohl besten Slackliner der Welt. Immer auf der Suche nach besonderen Locations für seine Projekte entdeckt er zusammen mit seinen Freunden kurz nach dem Umzug in seine neue Wahlheimat Miesbach die faszinierenden Möglichkeiten am Blankenstein. Ein Traumziel für ihn. Und schnell ist klar: Der Traum wird zum Projekt.

Slacklinen am Blankenstein ist das Gefühl von absoluter Freiheit in schwindelerregender Höhe. Foto: Valentin Rapp

Mehr als nur ein Balanceakt.

Slacklinen, das ist nicht nur der atemberaubende Balanceakt. Slacklinen, das ist das kontinuierlich harte Training in vielseitigen Sportarten wie Trail Running, Klettern, Bergsteigen und Yoga. Aber auch die viele Zeit auf der Slackline. Bis zu drei Stunden verbringt Lukas täglich damit, um die nötigen Fähigkeiten für seine immer anspruchsvolleren Aktionen aufzubauen. Und es ist die kräftezehrende Kombination aus mehreren, teils sehr material intensiven Sportarten.

Slacklinen am Blankenstein, das sind 1000 hm und 15 km von Rottach-Egern. 700 hm davon mit dem Mountainbike, um die lange Strecke bis zur kleinen Röthensteinalm zeitlich abzukürzen. Das sind Rucksäcke voll beladen mit einer 70 m langen Slackline, entsprechendem Highline-Equipment, schwerer Kletterausrüstung und Seilen, die für das Erklimmen der Felstürme am Blankenstein nötig sind und die das Radeln mühsamer als sonst machen. Das ist Kletterei im 4+ Grad durch Verschneidungen, über glatte Platten und Steilstufen zum Gipfelgrat und das anstrengende Nachholen des Haulbags.

Das Equipment zum Aufbau einer Highline muss erstmal an den Ausgangspunkt „gehault“ werden. Foto: Valentin Rapp

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Am Blankenstein kommen sogar routinierte Sportskanonen wie die Münchner Lukas Riediger und Valentin Rapp, der Südtiroler Aron Bertoli und Lukas Irmler selbst ordentlich ins Schwitzen. Und das, obwohl der herausforderndste Teil des Projekts – die Line – noch nicht mal in Reichweite ist. Denn nach dem Bike-Depot an der Alm geht es zu Fuß stetig ansteigend zum Blankenstein-Sattel weiter und erst dort beginnt die eigentliche Besteigung des Blankenstein. Während Lukas durch den festen Fels des Ostgrats zum angedachten Highline- Anker hinauf klettert, ist Lukas Riediger auf dem eher alpinen Weg unterwegs hinauf zum ersten Ost-Turm, um dort die andere Seite der Highline einzurichten. Aron Bertoli sichert zuerst Lukas hinauf zum Stand und sorgt dann dafür, dass er das benötigte Equipment im Wall Bag zu sich hinaufziehen kann. Im Anschluss verbindet er das Kletterseil von Lukas mit einer dünnen Schnur und folgt damit Lukas Riediger auf den Ost-Turm. So entsteht bald eine Verbindung zwischen den beiden Türmen, an der die Slackline hinübergezogen werden kann. Danach heißt es, die Line sicher zu befestigen. Dabei präferieren Lukas und sein Team die „cleane“ Variante und umschlingen dafür Felsen mit Schlingen und Seilen, um keine Spuren in der Natur zu hinterlassen. In einer vertikalen Wand auf etwa 1.700 hm hängend, verlangt das Spannen der Slackline langjähriges Know-how, akribische Präzision und eingespieltes Teamwork. Bis alles fest fixiert, exakt positioniert und die richtige Spannung erreicht ist, ist Ausdauer und Geduld gefragt. Denn für das reine Laufen auf der Slackline ist die Spannung – zumindest für Lukas – nicht mehr so relevant, aber für die Tricks, die er heute noch vorhat, ist eine trampolinartige Spannung der Line entscheidend.

In der Höhe liegt die Kraft.

„Es ist immer ein magischer Moment, wenn die Line endlich in der Luft hängt“, schwärmt Lukas. Sein Gesicht leuchtet fokussiert auf die vor ihm, 40 m über dem Abgrund schwebende Line. Bevor es losgeht, konzentriert er sich, schließt die Augen und geht im Kopf noch einmal seinen Bewegungsablauf durch. Welche Tricks er heute machen wird, ergibt sich spontan. Das nennt man Highline-Freestyle. Dabei bounced Lukas mit der Line hoch und runter oder lenkt sie seitlich aus (Surfen), um dann spontan Tricks in seine Grundbewegung einzubauen, wie z. B. das Hinlegen und wieder aufstehen oder verschiedene Rollen um die Line. Valentin Rapp, Highline-Kollege und talentierter Filmemacher, hat die Kamera auf Lukas gerichtet. Bereit die Momente einzufangen, die für Lukas die Welt bedeuten.

„Es ist immer ein magischer Moment, wenn die Line endlich in der Luft hängt“, sagt Lukas. Foto: Valentin Rapp

Die Freiheit der Schwerkraft.

Lukas bindet sich in die Leash (das Sicherungsseil) ein und rutscht hinaus auf das dünne Band. Damit beginnt der Part, für den es ihn in die Berge zieht und der ihn motiviert, der Schwerkraft zu trotzen. Der Part, der ihn all die Strapazen des Zustiegs und Trainings vergessen lässt. Der Part, der ihn süchtig macht: Die Freiheit auf der Line. Durch die Luft zu schweben ist für ihn einzigartig und besonders beim Bouncen auf der Slackline fühlt er sich leicht und schwerelos. „In den kurzen Momenten, wenn die Line mich in den Himmel schießt, ist der perfekte Moment, in dem die Schwerkraft scheinbar aufhört zu existieren,“ resümiert Lukas. Das allein ist für uns Normalsterbliche schon unfassbar. Dabei noch Tricks einzubauen ist kaum nachvollziehbar, „aber eines der besten Gefühle, das ich kenne, wenn man nach einem gelungenen Salto wieder auf der Line stehen bleibt.“ Das wollen wir dem Weltrekordhalter glauben, denn was sonst sollte ihn antreiben, seine Grenzen immer wieder auszuloten? Heute am Blankenstein geht er mit der Yoda Roll, einem ganz besonders schweren Salto um die Line herum, an seine Grenze. Und (be-)steht. Von der Idee zum Ziel. Ein weiterer Schritt im Wachstumsprozess des Lukas Irmler. Ein weiterer manifestierter Traum.

 

Auf seinem Instagram Profil kannst du Lukas‘ Abenteuer auf der Slackline mitverfolgen.