K2 – mit dem Mountainbike zum Berg der Berge (Teil 1/2)

Eine atemberaubende Landschaft. Gipfel soweit das Auge reicht. Und eine Radexpedition, die es in sich hat. Bike-Profi Gerhard Czerner berichtet über die anstrengendsten Stunden seines Lebens und eine der beeindruckendsten Bergwelten unserer Erde.

Schwer atmend kämpfen wir uns seit Stunden an Fixseilen, in stockdunkler Nacht, eine steile, noch dazu vereiste Felswand hinauf. Die Steigeisen kratzen am Gestein und finden manchmal nur schwer Halt. Die Lunge brennt hier oben auf 5500 m. Nach jedem zweiten Schritt brauchen wir erst einmal eine kleine Pause – um zu atmen. Die Fahrräder, die auf unseren Rucksäcken festgezurrt sind, lassen unsere Last am Rücken auf über 20 kg anschwellen und machen das ganze Unterfangen zu einem Gleichgewichtsakt der besonderen Art. Und ganz nebenbei, zu den anstrengendsten Stunden in unserem Leben.

Sieh dir das Video über die unglaubliche Tour unserer Mountainbiker an:

Die Vorbereitung – zum „Thronsaal der Berggötter“

Rückblickend bin ich mir sicher: Wenn ich vor zwei Jahren, zu Beginn meiner Planungen für diese Tour gewusst hätte, wie anstrengend dieser Anstieg wird, wären wir nie in Pakistan gelandet. Da ich aber nicht in die Zukunft sehen kann, hat sich die Schlüsseletappe über den 5600 m hohen Pass, den „Gondogoro La“, eher herausfordernd als furchteinflößend angehört. Und so bin ich motiviert an die Planung gegangen.

Mein Ziel war es, den „Thronsaal der Berggötter“, den Concordia Platz im Herzen des Karakorum Gebirges in Pakistan, mit dem Mountainbike zu erreichen. Es gibt wohl kaum eine spektakulärere Hochgebirgslandschaft auf unserer Erde. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es solch eine Dichte von Gipfeln und Gebirgsketten über sechs-, sieben- und achttausend Metern Höhe, nicht einmal im Himalaya.

Beeindruckende un einzigartige Bergwelten erwarten die Sportler in Pakistan.

Akklimatisation – um sich langsam an die Höhe zu gewöhnen

Gemeinsam mit Jakob Breitwieser und Fotograf/Filmer Martin Bissig landete ich im August 2019 am kleinen Flughafen in Skardu, dem Hauptort der Region Baltistans. Die kleine, auf uns schmutzig und ärmlich wirkende Stadt am Indus, überraschte uns mit ihren herzlichen und offenen Einwohnern. Überall wo wir mit unseren Mountainbikes hinkamen, herrschte große Aufregung. Wir hatten den Eindruck, als hätte Pakistan das gleiche Interesse an uns, wie wir an Pakistan.

Wir verließen Skardu im Jeep und erreichten nach zwei Fahrtagen unseren Startpunkt der Biketour, das idyllisch gelegene Bergdorf „Hushe“. Um uns langsam an die stetig ansteigende Höhe zu gewöhnen – die Akklimatisation ist das Wichtigste in großen Höhen – hatten wir drei Radtage und zwei Ruhetage bis zur entscheidenden Passüberschreitung eingeplant. Schon gleich zu Beginn beeindruckte uns die Bergwelt, wie Speerspitzen ragten die Gipfel in die Höhe.

Das Schieben und Tragen wurde mit schönen Lagerplätzen belohnt

Zu unserem Erstaunen war der Weg relativ gut ausgetreten, sodass wir zu Beginn mit unserem Bike ziemlich viel Strecke zurücklegen konnten. Gefühlt kämpften unsere Lagerplätze um Superlative: Einer beeindruckender als der andere. Am zweiten Tag, auf der Moräne des „Gondogoro Gletschers“, mussten wir viel schieben und tragen und bekamen so einen Vorgeschmack auf die folgenden Tage. Der Weg führte uns fast ausschließlich über das mit Schutt bedeckte Gletschereis, zum Lagerplatz unter dem Pass. Gegenüber thronte eine beeindruckende Berggestalt: der steile „Laila Peak“.

Wann immer wir unseren pakistanischen Guide Isaak fragten, wie der Weg am folgenden Tag wäre, antwortete er mit einem breiten Grinsen: „Too easy! No problem.”  Wir waren uns jedoch einig, für „total einfach“ war es zwischendurch viel zu anstrengend. So waren wir etwas verunsichert, als wir uns am Ruhetag über die bevorstehende Passüberschreitung erkundigten und die Antwort bekamen: „Maybe a little hard. But no problem.“  Aha. Und so sollte es ja auch werden.

Karakorum Gebirge in Pakistan
Auch wenn bei dieser Tour das Fahrrad oft auf den Rucksack geschnallt war, gab es doch die ein oder andere Abfahrt, die unsere Mountainbiker genießen konnten.

Nach über 21 Stunden am nächsten Ziel: dem „Concordia Platz“

Um 21.00 Uhr starteten wir zur entscheidenden Etappe. Um 5.00 Uhr morgens erreichten wir völlig ausgelaugt die Passhöhe. Mit strahlendem Sonnenschein und einem einmaligen Panorama wurden wir mehr als entschädigt.  Vier der 14 über 8000 Meter hohen Berge standen uns gegenüber: K2, Broad Peak, Gasherbrum 1 & 2. Daneben unzählige andere Gipfel und messerscharfe Grate.

Gehofft hatten wir auf eine Abfahrt. Gefunden hatten wir einen schneebedeckten Abstieg, seilversichert zwischen Gletscherspalten. An eine Abfahrt war in den nächsten Stunden nicht zu denken. Erst nach Mittag, als wir den „Baltoro Gletscher“ erreichten, konnten wir uns auf unseren Fahrrädern setzen. Irgendwo vor uns am Gletscher, am Fuße der vor uns aufragenden Pyramide des K2, dem „Berg der Berge“, lag unser Ziel: der „Concordia Platz“. Nach 21 Stunden erreichten wir schließlich dort unser Lager. Die Erleichterung war unserer Erschöpfung gleich.

Kurze Erholung und dann Endspurt

Den folgenden Ruhetag genossen wir in vollen Zügen, bei traumhaftem Wetter. Die Wolken umspielten die Gipfel. Wir konnten uns gar nicht satt sehen an den Bergen.  Wir wussten aber auch, dass wir noch einen langen Weg vor uns hatten. An drei der vier drauffolgenden Tage waren wir ausschließlich am „Baltoro Gletscher“ unterwegs, der von Steinen übersät war. So waren wir leider oft gezwungen, unsere Fahrräder zu schieben oder sogar zu tragen.

Über die befahrbaren Teilstücke freuten wir uns dafür umso mehr. Vorbei an 1.000 Meter hohen Granitwänden und unzähligen Gipfeln bahnten wir uns unseren Weg, über endlose Geröllfelder, durch eine atemberaubende Landschaft. Der letzte Tag nach „Askole“, die erste Ansiedlung, auf die wir nach zehn Tagen in den Bergen wieder trafen, war dann wirklich „too easy“ und gut fahrbar. Erschöpft aber glücklich hatten wir den Endpunkt unserer Radtour erreicht.

Karakorum Gebirge in Pakistan
Für diese Aussicht hat sich jede Anstrengung gelohnt!

Rückblickend waren wir uns einig: auch wenn wir weniger fahren konnten als erhofft, die Tour anstrengender war als wir uns vorstellen konnten, wir unsere Komfortzone mehr als nur einmal verlassen mussten – war es jede Minute wert. Die herzlichen, hilfsbereiten Menschen, die beeindruckende Bergwelt und nicht zuletzt unser perfekt funktionierendes, harmonisches Team haben die Reise zu einer der außergewöhnlichsten Radexpeditionen werden lassen, die wir je erlebt haben.

 

Wir haben Jakob Breitwieser gefragt, was seine größten Herausforderungen auf der Tour waren, wie er sich nach der unglaublichen 22h Etappe gefühlt hat, und warum es trotzdem das spannendste Abenteuer seines Lebens war!

Hier geht es zum Interview von Jakob Breitwieser.