Fabian Buhl: Eine fordernde Erstbegehung in Pakistan – Teil 2

Eine Ledge auf 5500 Höhenmeter

Genau unter der Pillar Rouge wartete auf 5500 m eine kleine Ledge auf uns, die einzige in der ganzen Route, die breit genug für unser kleines Zelt war. Zu allem Überfluss gab es auch noch Schnee zum Schmelzen sowie ein königliches Panorama, mit der Latok- und Ogregruppe im Hintergrund.

Aber noch mehr freuten wir uns über die perfekten goldenen Risse, wie man sie sonst nur aus dem Yosemite kennt, die direkt über uns warteten. Nach dem Essen legten wir uns schlafen. Wobei wir nicht viel schliefen – zu groß war die Vorfreude auf den nächsten Tag. Das Wetter war so perfekt wie die Kletterei.

Ständiger Wechsel zwischen Kletterschuh und Steigeisen

Zurück am Camp kamen wir aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Als wir am nächsten Tag mit dem Rascheln des Schneefalls aufwachten, war klar, dass wir die Headwall nicht so leicht erreichten wie gedacht. Nichtsdestotrotz versuchten wir zumindest bis zur Headwall zukommen, da es für unseren Gipfelversuch absolut notwendig war.

Die Kante war flach und schneebedeckt. Obwohl es den ganzen Tag leicht geschneit hatte, machte es mir Spaß zu klettern und immer wieder zwischen Kletterschuh und Steigeisen zu wechseln. Als wir abends ziemlich erschöpft die Headwall erreichten, wurde uns bewusst, dass es sicher die Crux der ganzen Linie wird: Steil, verschneit und deutlich weniger Struktur als bisher. Als sich das Wetter zunehmend verschlechterte, entschieden wir uns bis ins Basecamp abzusteigen, um uns für den finalen Gipfelversuch vollständig zu erholen.

Schlechtes Wetter und Klettern in totaler Dunkelheit

Leider blieb das Wetter für eine komplette Woche schlecht. Wir vertrieben uns die Zeit mit relaxen, lesen und alltäglichen Schachturnieren. Der konstante Schneefall machte uns Sorgen, denn auf 6000 m schmelzen Schnee und Eis nicht so einfach weg. Deshalb warteten wir die ersten zwei Schönwettertage ab, damit sich der Berg ein wenig von seinem weißen Kleid befreite.

Da es tagsüber zu heiß war, stiegen wir abends in absoluter Dunkelheit die Geröllrinne auf. An so einer großen Wand fühlt man sich mit einer kleinen Stirnlampe, an einem dünnen Fixseil befestigt ganz schön klein. Die Welt beschränkt sich in diesem Moment auf den Lichtkegel deiner Lampe.

Vereiste und steile Risse

Am Camp angekommen, legten wir uns direkt nach dem Essen schlafen, um schon wenige Stunden später auf unserer kleinen naturbelassenen Terrasse zu frühstücken. Der Sonnenaufgang war absolut atemberaubend – was für ein Start in den Tag!

Wenig später erreichten wir die Headwall, um die ersten 200 m zu klettern. Leider waren die Risse immer noch komplett vereist und das Terrain noch steiler als wir dachten. Wir konnten fast 2000 m zum ABC runterschauen. Es war eine extrem herausfordernde Kletterei, aber genau dafür waren wir ja nach Pakistan gekommen.

Anspruchsvolle Mixedlängen bis zum Gipfel des Choktoi Ri 

Da wir keinen weiteren vernünftigen Biwakplatz fanden, waren wir gezwungen alles notdürftig zu fixieren, um wieder zu unserem Camp abzusteigen. Unsere Motivation war allerdings groß, da der Gipfelversuch kurz bevorstand. Am nächsten Tag stiegen wir wieder zu unserem Endpunkt auf und folgten einem Verschneidungssystem, dass komplett vereist war. Somit warteten ein paar schöne und anspruchsvolle Mixedlängen auf uns.

Obwohl es schon spät war, seilten wir uns in die Schulter zwischen Vor- und Hauptgipfel ab. Von hier stiegen wir dann die offensichtliche Schneekante zum Gipfel des Choktoi Ri hinauf. Als ich Alexander direkt vom Gipfel im Sitzen nachsichern wollte, fiel mir auf, dass der ganze Gipfel eine einzige große Wechte ist. Etwas verdutzt über meine Dummheit ging ich bis zum Fels zurück und machte Stand. Kurz darauf standen wir beide sicher auf den Gipfel und genossen die herrliche Aussicht über den Karakorum.

„Je kleiner die Expedition, desto größer und reicher das Erlebnis“

Am Gipfel nahmen wir uns Zeit, um unsere Tage am Berg und unsere Linie zu reflektierten. Die 2200 m Kletterei kosteten uns sehr viel Energie, denn die Route verlangte uns, mit den vielen Herausforderungen, wirklich viel ab. Am Schluss haben wir all unser Können und unseren Teamgeist ausgespielt, um „The Big Easy“ erstzubegehen.

Das Allerwichtigste war jedoch, dass wir wieder einmal eine super Zeit, mit einer guten Stimmung hatten, im wunderschönen Karakorum. Mir hat die Expedition gezeigt: „Je kleiner die Expedition, desto größer und reicher das Erlebnis!“