Fabian Buhl: Eine fordernde Erstbegehung in Pakistan – Teil 1

Islamabad – Ein kultureller Schock und eine wilde Fahrt

„Da wir zum Felsklettern eher warme und trockene Bedingungen brauchen, sind wir erst im Sommer nach Pakistan geflogen. Die Ankunft am 10. Juli in Islamabad war für mich ein kultureller Schock. Es war sehr heiß und hektisch. Zudem waren wir extrem müde, da wir erst spät landeten und die pakistanische Bürokratie schon wenige Stunden später auf uns wartete.

Zum Glück sind wir schon am nächsten Tag in Skardu angekommen. Hier ging die Expedition direkt los. Wir fuhren mit den landestypischen alten Geländewagen entlang der tiefen Schlucht des Braldo nach Askole. Die Fahrt war vermutlich der gefährlichste Teil der Expedition. Unser Fahrer beeindruckte mich immer wieder mit seinen wilden Manövern. Letztlich sind wir mit untergehender Sonne und einem wunderschönen Licht in Askole angekommen.

„Wo Wasser ist, ist auch Leben“

Askole ist das letzte ganzjährig bewohnte Dorf im Braldo Tal und von einer unglaublich imposanten Bergkulisse eingerahmt. Die Baltis haben über Jahrhunderte gelernt, in dieser kargen und harten Landschaft zu überleben. Sie entwickelten ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, um Landwirtschaft zu betreiben und vollkommen autonom leben zu können.

Der Spruch „Wo Wasser ist, ist auch Leben“ ist mir noch nie so bewusst geworden. Askole ist das Musterbeispiel eines baltischen Dorfs. Die Terrassen leuchten im schönsten Grün und bilden einen extremen Kontrast zu der trockenen, braunen, sandigen und felsigen Landschaft mit weißen Gipfelspitzen.

Los geht’s – entlang des Baltoro Highways

Das Volk der Balti ist von Tradition aus ein Trägervolk:  Das Tragen von Lasten ist sein Haupteinkommen. Dementsprechend groß war der Andrang, als wir am nächsten Morgen unser Gepäck verteilten. Aber unser Koch Ibrahim und Sadar Salman blieben ganz gelassen und verteilten routiniert unsere 25 kg schwere Ausrüstung.

Heutzutage arbeiten die Baltis vermehrt mit Maultieren, auch Mulis genannt. Jeder Muliführer kann bis zu drei Lasten tragen und somit deutlich mehr verdienen. Vor allem aber schonen sie ihren Rücken. Anschließend traten wir unseren viertägigen Marsch ins Basecamp an. Es fühlte sich komisch an, nur mit einem leichten Tagesrucksack den Baltoro Highway gemütlich entlang zu wandern, während uns die Träger mit 25kg überholten. Aber schnell bemerkte ich, dass es vermutlich weiser war, sich langsam und stetig zu akklimatisieren, da ich bereits der Höhe von 3500 m Tribut zollen musste.

Der Reichtum der Baltis

Fünf Stunden später erreichten wir die Abzweigung vom Panmah- und Baltorogletscher. Wir folgten dem Panmahgletscher bis zur Abzweigung des Choktoigletschers. In den darauffolgenden Tagen sind wir jeweils sechs bis sieben Stunden gelaufen, haben täglich 500 Höhenmeter bewältigt und in verschiedenen Camps übernachtet.

Besonders beeindruckt war ich von der schnellen und einfachen Art, wie die Träger ihr Lager aufbauten und unter der Plastikplane schliefen. Die Baltis schienen extrem zufrieden zu sein, mit dem was sie haben und wie sie Leben. Das nenne ich wirklichen Reichtum. Die Gastfreundschaft der Baltis ist enorm groß.

Angekommen am Basecamp

Am dritten Tag sahen wir bereits in der Ferne unser Ziel. Nach einem sehr frühen Start erreichten wir am vierten Tag unser Basecamp, direkt unter dem Berg, an einem großen und ebenen Schwemmfächer. Unser Koch Ibrahim war sehr zufrieden, weil ihm ausreichend fließendes Wasser zur Verfügung stand.

Auch wir waren zufrieden: Wir mussten nur 1000 Höhenmeter in der Geröllrinne aufsteigen, um das Gletscherbecken direkt unter der Wand zu erreichen.

Zuerst bauten wir unser spartanisches, kleines aber sehr komfortables Basecamp auf. Da das Wetter immer noch sehr gut war, machten wir uns direkt an den ersten Materialtransport. Unser vorgeschobenes Basislager (ABC) wollten wir unbedingt auf 5000 Höhenmeter installieren, da der Aufstieg ohne eine ausreichende Akklimatisierung sehr hart wäre.

Wie so häufig: Es läuft anders als geplant

Da ich bis zu diesem Trip keinerlei Erfahrung in großer Höhe gesammelt habe, wartete ich andauernd darauf, dass sich irgendwelche Auswirkungen der Höhe spürbar machten. Glücklicherweise blieben die Anzeichen aus.

Da das gute Wetter anhielt, machten wir einen weiteren Materialtransport. Wir blieben gleich zwei Tage im ABC, um uns weiter zu akklimatisieren und die erste der drei Wellen unserer Kante erstzubegehen. Schon nach den ersten Längen war uns schnell klar, dass unsere Linie deutlich mehr Zeit und Energie in Anspruch nimmt, als wir zuvor dachten.

Fuchs, du hast die Hühner gestohlen…

Die ersten 400 m auf der Felswelle waren nicht besonders schwer. Dafür aber die Routenfindung sehr komplex und die Rucksäcke ziemlich schwer. Wir hatten zusätzlich 200 m Fixseil im Rucksack, um abends vom Col, vor der zweiten Welle zur Seite abseilen zu können. Weil sich das Wetter verschlechterte, stiegen wir bis zum Basecamp ab, um uns auszuruhen und zu essen. Allerdings fiel die Kost vegetarisch aus, da der Fuchs in unserer Abwesenheit die mitgebrachten Hühner verspeiste.

Als sich das Wetter wieder besserte, waren wir hoch motiviert und gut erholt, um Hand ans Herz unserer Linie „Pillar Rouge“ zu legen. Wir stiegen an unseren Fixseilen auf und hatten die komplette Ausrüstung dabei, um weiter oben in der Wand ein Camp zu errichten. Die relativ flache Kante kletterten wir an perfektem Granit und einem sehr anspruchsvollen Offwith. Am Ende vom Tag stieg ich noch eine Länge vor. Als ich um die Kante schaute, wusste ich, hier haben wir einen Jackpot gelandet.“